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“Es ist soweit! Nun kommt er, “Der König der Ratten”!

Das Buch zu Halloween! Ein Buch, wie ein Fluch! Lassen Sie sich in seinen Bann ziehen!
 

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Seine nackten Füße in den Sandalen huschten wie Ratten über das nasse Pflaster der alten Römerstraße. Vorbei an Ginsterbüschen und moosbewachsenen Felsen. Sein Atem ging stockend, sein Gesicht war verzerrt von Anstrengung und Angst. Dabei war es nicht sein eigenes Leben, um das der alte Mönch fürchtete...

Nein, das hatte er längst hingegeben, an dem Tag, an dem er dem Orden beigetreten war. Er, der alte Sachsen-Krieger, der gewaltige Schwertkämpfer, der dem Ruf Gottes gefolgt war. Er war auch jetzt bereit, sein Leben zu opfern für das, was er unter seiner Kutte trug: Den Schatz seines Ordens, der Grund, warum man ihn und seine Brüder verfemte und verfolgte....

Zwölf Mönche waren es gewesen, die vor knapp zehn Jahren mit dem Schiff aus Irland gekommen waren. Zwölf Mönche, die sich eine neue Heimat auf dem Berg bauten. Zwölf Mönche, die das Geheimnis hüteten. Ein Geheimnis, das man ihnen in Irland anvertraut hatte. Und das die Brüder zu Papier brachten. Ein Geheimnis, für das in der Welt noch kein Platz war!

Wittiges war der Letzte seines Ordens. Elf seiner Brüder waren gestorben. Acht bei einem Brand, der ihr kleines Kloster verwüstet hatte. Zwei waren geflohen. Vom Kloster war wie durch ein Wunder nur die kleine Kapelle übrig geblieben, in der man den alten Abt Innozenz beerdigt hatte. Wittiges war überzeugt, dass der Verstorbene seine schützende Hand über ihn und die Kapelle gehalten hatte.
Wittiges, der Sachse, war ein stattlicher Mann. Auf seiner Wange prangte die Narbe eines Schwerthiebes, den er in seinem letzten Kampf erhalten hatte. Heute war Wittiges alt, seine Augen waren getrübt, aber die Kraft, mit der er glaubte, war ungebrochen!

Außer Atem erreichte er die Pforte der Kapelle. Er schlüpfte durch eine Seitentür in das alte verfallene Gemäuer. Kurz blieb er stehen, um Luft zu schöpfen. Er schaute rüber zum Altar, unter dem das Grab von Innozenz lag. Viel war nicht davon übrig geblieben, von der kleinen Kapelle, der letzten Zuflucht der Brüder. Wittiges hastete durch den mit Fackeln erleuchteten Kreuzgang, Schweiß stand ihm auf der Stirn. Seine spärlichen Haare klebten am Kopf, das Blut trommelte ihm in den Ohren. Er näherte sich dem Altar, der von Kerzen erleuchtet war. Die braune, unscheinbare Kutte schwang um seine Knöchel. Der Gegenstand, den er darunter verbarg, bremste seine Schritte. Das einzige Geräusch waren seine Sandalen auf dem steinernen Boden.
Herr, hilf mir, meinen Weg zu Ende zu gehen!, flehten seine Gedanken.


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Er bat nicht um sein Leben. Das hatte er längst verlernt. Schon in der Zeit als Krieger. Damals glaubte er noch an Walhalla, wo er mit anderen toten Kriegern an einer Tafel sitzen würde. Heute an die Auferstehung von Gottes Sohn.

Ehrfürchtig näherte er sich der Brüstung mit dem Altar. Das goldene Kreuz hatten die Brandstifter geraubt. Dahinter, fünf Meter tief gähnte unter ihm das Grab von Innozenz, dem Abt. Wittiges blieb stehen, seine alten Hände tasteten nach dem schweren Buch unter der Kutte. Das letzte, das einzige Exemplar! Und nur er konnte es noch retten vor der Gier der Menschen nach Macht. Für eine Sekunde spürte er die Last der Verantwortung. Seine gichtigen Finger umklammerten die Schrift, wie ein Greifvogel seine Beute. Wie viel Wissen stand darin geschrieben?…Wie viel Blut klebte an diesen Seiten?….Sein Blick fiel auf die Grabplatte unter ihm. Gab es ein besseres Versteck, als die letzte Ruhestätte eines Toten? Des Mannes, der sie von Irland hier herüber geführt hatte? Der in einer finsteren Nacht die letzten Geheimnisse eines Druiden erfahren hatte – heidnisches Wissen! Das Kerzenlicht reflektierte ein silbernes „Y“ auf dem ledernen Einband und zauberte so etwas wie Erleichterung auf das verwitterte Gesicht des Mönches. Erleichterung war das Letzte, was Wittiges in seinem Leben spürte.
Ein schwerer silberner Leuchter blitzte im Licht der Kerzen. Wittiges sah den Schlag nicht kommen. Das Buch wirbelte über die Brüstung hinunter zum Grab. Der Mönch war schon tot, bevor sein Kopf dumpf auf den Steinboden schlug.

Aus dem Dunkel der Kapelle schälte sich die Silhouette des Mörders. Sein Gesicht verhüllte eine Kapuze, die er tief über den Kopf gezogen hatte. Zu seinen Füßen das Mordwerkzeug: Der silberne Leuchter, der jetzt blutverschmiert war und mit einem hässlichen Geräusch über den Boden rollte.

Der Mann unter der Kapuze beugte sich vor, schaute über die Brüstung hinunter auf das Grab. Ächzend schob sich die Grabplatte zur Seite, verschluckte das Buch, wie der hungrige Schlund eines Drachen. Eine Flut von Ratten quoll aus der dunklen Öffnung hervor und überschwemmte die Steinplatte. Angewidert richtete sich der Mörder auf. Aus der Kapuze, die sein Gesicht verbarg, kroch Atem hervor, wie kalter Rauch. Auf seiner Brust baumelte eine Kette mit einem silbernen Y. Der Mörder trug das Gewand eines Mönches.


1300 Jahre später:

Der Wind wehte den Herbst von den Bäumen. Raschelnd taumelten die Blätter auf das nasse Pflaster der alten Stadt. Heidelberg, Anfang Oktober.

Aus einem kleinen Turm in der Stadtmauer kletterte ein Falke. Der Greifvogel äugte hinüber auf die andere Neckar-Seite, flog dann mit einem Schrei auf. Ein Schrei, den die Menschen im Lärm des Alltags schon lange nicht mehr hörten. Der kleine Raubvogel ließ sich im Herbstwind über den Fluss tragen, auf die andere Seite des Neckar, auf den Heiligen Berg, dessen Kloster Heidelberg seinen Namen gegeben hatte, vor Tausenden von Jahren.

Das Kloster war verschwunden. Nur noch ein düsteres Colosseum aus der Zeit von Hitlers braunen Horden war übrig geblieben. Es besetzte den Heiligenberg wie ein Krebsgeschwür. Überall zwischen den Treppen wucherte Unkraut. Die Spätnachmittagssonne blinzelte zwischen den leeren Zweigen der Bäume hindurch. Auf dem Wipfel einer alten Eiche ließ sich der Falke nieder. Die Stille wurde unterbrochen durch das nervige Rollen eines Skateboards. Auf dem Brett balancierte ein Junge mit Bag-Hosen und einer Baseball-Mütze, die er verkehrt herum aufgesetzt hatte, und die nur mühsam die roten Haare des Fahrers bändigen konnte. Markus Wohlfahrt, gerade fünfzehn geworden, skatete sich seinen Frust von der Seele. Ein wagemutiger Sprung, geschickt behielt er das Gleichgewicht. Seine Beine federten den Aufprall ab. Er landete auf den bröckeligen Stufen der Arena. Markus beugte die Knie und nahm die Geschwindigkeit seines Skateboards mit, wieder ein Sprung nach unten, doch diesmal bröselte unter den Rädern eine poröse Stufe….

Markus ruderte mit den Armen, das Board wirbelte durch die Luft, Markus stürzte auf das Dornengebüsch zu.
„Kacke!“, schrie er, bevor er unsanft auf den Boden einer Senke knallte, die unter dem Dornengebüsch versteckt lag.

Für einen Moment blieb Markus wie betäubt liegen. Seine Hand suchte nach dem Schmerz auf seiner Wange, wo Dornen blutige Kratzer hinterlassen hatten.
Aber nichts tat so weh wie die Erkenntnis, dass sie wieder nicht gekommen war! Ilona, das schönste Mädchen des Gymnasiums hatte ihn versetzt. Mal wieder! Zwei Stunden hatte er gewartet, ganz schön lange, fand er und ganz schön doof. Nach dem letzten Mal schon hatte er sich geschworen, sich nie wieder mit ihr zu verabreden. Aber da waretwas an ihr, gegen das er sich nicht wehren konnte. War es ihr Lächeln? Die Hoffnung? Das heimliche Versprechen, dass er ihr doch etwas bedeutete? Mehr als die anderen? Oder war es einfach nur seine eigene Blödheit? Markus wollte die Antwort nicht wissen, nicht jetzt. Er war gestürzt.

Sein Blick begann, umher zu wandern. Er entdeckte seine Mütze, die im Dornengestrüpp festhing, das Skateboard, das wie ein Käfer auf dem Rücken lag und dessen Räder sich noch immer drehten. Das alte Mauerwerk mit den Brombeerbüschen, die sich mit tausend Dornen gegen jeden Eindringling wehrten. Eine Eidechse, die die letzten Sonnenstrahlen genutzt hatte und nun über die Steine huschte in die Sicherheit des Gestrüpps. Eine seltsame Stimmung umfing ihn, die er nicht einordnen konnte. Etwas Mystisches und zugleich Unheimliches. Markus schüttelte die Gedanken ab. Seit dem Tod seines Vaters litt er unter dieser Vorstellung, mehr zu sehen, als andere. Er spürte Dinge, die andere nicht einmal ahnten. Markus hasste es. Er sprach mit niemandem darüber. Nicht einmal mit seiner Mutter! Nur mit Max, seinem besten Freund. Der Einzige, der sich nicht darüber lustig machte.
Markus rappelte sich mühsam auf. Dabei stieß sein Fuß gegen einen Brocken, der aus der Sandsteinplatte herausgebrochen war. Er beugte sich vor, spähte in die Öffnung hinein: nichts als schwarze Dunkelheit! Doch, da war etwas! Etwas blinkte silbrig! Markus ging auf die Knie, um besser sehen zu können. Von dem silbrigen Etwas schien eine seltsame Anziehungskraft auszugehen!

Markus spürte, wie sein Herz schneller zu pochen begann. Er versuchte, seinen Puls zu beruhigen, in dem er ein paar Mal tief ein- und ausatmete. Wieder fiel sein Blick auf die dunkle Öffnung im Stein. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass ihn jemand beobachtete. Irgendjemand, der ihn sah, aber er ihn nicht. Markus blickte um sich. Nur der Wind sang raschelnd ein Lied aus grauer Vorzeit. Es war so, als würde ihm jemand befehlen. Eine Stimme, die nur er hören konnte, eine Stimme tief in seinem Innern. Markus krempelte die Ärmel seiner Jacke hoch. Vorsichtig griff er nach unten in die Dunkelheit hinein. Seine Hand suchte. Er spürte ein Kribbeln. Erschrocken zog Markus seinen Arm aus dem finsteren Loch. Über seinen Unterarm krabbelte eine große schwarze Spinne.
„Hau ab!“, schrie Markus und fegte sie von seinem Arm. Eilig lief die Spinne über den Boden, um im Mauerwerk zu verschwinden. Markus blies erleichtert die Luft aus den Wangen.

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„Was mache ich hier eigentlich, ich Idiot?“, fragte er sich laut.

Der Wind wehte ein paar Herbstblätter von den Bäumen und ließ sie auf der Steinplatte tanzen. Der Junge schaute noch einmal in die dunkle Öffnung. Ein kalter Schauer kroch ihm über den Rücken.
„Markus, Du Feigling!“, sagte der Junge zu sich selbst. Dann ließ er seinen Arm wie ein Seil nach unten, vorsichtig und immer bereit, seine Hand sofort zurück zu ziehen. Seine Finger tasteten. Er spürte einen Widerstand. Markus zog daran. Das Ding gab nach. Markus riss seinen Arm nach oben und fiel dabei selber nach hinten. Ein Totenkopf kam ans Tageslicht, in dessen schwarzen Augenhöhlen Markus Zeige- und Mittelfinger steckten – wie in einer Bowlingkugel. Markus prallte vor Schreck zurück:
„Oh Scheiße!“, schrie er entsetzt. Markus schüttelte seine Hand, um sich von dem Totenkopf zu befreien. Der Schädel kullerte auf den Boden, rollte davon, blieb liegen. Scheinbar grinsend schaute der Tod den Jungen an. Aus der zertrümmerten Schädeldecke kletterte eine Ratte.

Bevor Markus sich von dem Schreck erholen konnte, ertönte der spitze, triumphierende Schrei eines Greifvogels. Markus schaute nach oben, spürte einen Windzug, das Schlagen von mächtigen Flügeln. Bevor die Ratte das rettende Gebüsch erreichen konnte, bohrten sich die Krallen des Falken in den Körper der Beute. Markus prallte zurück, schlug sich den Kopf am Mauerwerk, während der Falke sich davonschwang, in seinen Fängen das todgeweihte Nagetier.

Markus rang keuchend nach Luft. Japsend zog er ein Asthmaspray aus seiner Jacke, sprühte sich hastig einen Stoß in den Mund. Er spürte Erleichterung. Langsam normalisierte sich seine Atmung wieder. Der Junge ließ das Spray wieder in der Tasche verschwinden. Erneut wanderten seine Augen zu dem Loch im Boden, warum eigentlich?
Tu es nicht!, sagte jemand zu ihm. Markus merkte, dass er es selbst war. Tu es doch!, sagte die andere Stimme in ihm, von der Markus nicht wusste, woher sie kam. Wie ein Indianer robbte er bäuchlings zu dem Loch zurück. Noch einmal spähte er in den düsteren Abgrund. Wieder dieses silberne Blinken.
Viel schlimmer kann es nicht kommen!, schoss es ihm durch den Kopf. Sein Arm kroch in die Öffnung. Markus hatte das Gefühl, als gehörte der Arm gar nicht zu ihm, als führte er ein eigenständiges Leben. Er bekam etwas zu fassen, er zog daran, Staub und Sand bröselten heraus, ergossen sich auf die Steinplatte.

Im Licht des Spätherbstes lag der Gegenstand vor ihm, eingehüllt in ein zerfasertes Leinentuch, aus dem etwas silbrig blitzte. Markus schlug das Leinentuch vorsichtig zurück, blickte auf ein altes Buch. Ein verwitterter Ledereinband mit einem silbernen Beschlag, der Markus zu blenden schien. Der Junge kniff für eine Sekunde die Augen zusammen, bevor er den Staub von dem Buch pustete. Zögerlich wollte er es aufschlagen. Da blätterte ein Windstoß die Seiten um. Markus blickte auf eine Handschrift in einer ihm unverständlichen Sprache:

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Markus klappte das Buch zu. Er griff nach dem Skateboard, als sein Blick erneut auf den Totenschädel fiel. Er beugte sich runter, umhüllte ihn sorgfältig mit den Resten des Tuches, bevor er ihn sanft in das Erdloch zurück schob. Dann versiegelte er die Platte, indem er einen großen Stein darüber legte. Markus wischte den Sand auf der Platte zur Seite, entdeckte eine Inschrift in Latein: Innozenzius.
„So heißt Du also!“, murmelte Markus. „Und Du hast den Kopf verloren! Ich habe ihn Dir zurückgegeben, vergiss das nicht!“

 

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